Carrera wechselt Besitzer

Für viele Slotcarfahrer die „semiprofessionell“ oder ganz „professionell“ Slotcarracing betreiben, ist diese Nachricht irrelevant, denn Carrera ist ja im Grunde lediglich ein Hersteller unter vielen. (Siehe dazu Wiki Autorennbahn)
Aber die “Carreraristi” wissen natürlich, das seit 1985 nicht mehr Herr Neuhierl hinter dem Namen “Carrera” steht, dass es einen “Kurt Hesse” gab. Seit 1999 steht Stadlbauer hinter Carrera, somit endet eine Ära von 20zig Jahren im Sommer 2019.

Wie war das denn nun?
Die wechselhafte Geschichte von Carrera

Carrera wechselt nicht zum ersten Mal den eigentlichen Besitzer, es hat – wie einige Spielzeuge – eine lange Geschichte.

Der Ursprung

Carrera an sich wurde einmal von der Spielzeugfirma Neuhierl hergestellt. Josef Neuhierl war ein deutscher Spielzeugproduzent, er machte 1920 seinen Meister und siedelte sich dann im Raum Nürnberg an, 1934 siedelte er nach Fürth um. Anfangs wurden hauptsächlich Fahrzeuge produziert wie Autos, Rennwagen, Lastwagen und Flugzeuge. In den Kriegsjahren wurde auch Militärspielzeug hergestellt. Nach dem Krieg wurden die Räumlichkeiten von den Amerikanern inklusive aller Geräte und Maschinen beschlagnahmt. Die Produktion wurde über zwei Jahre auf andere Räumlichkeiten verteilt, bis wieder ein neues Gebäude bezogen werden konnte. 1954 und 1957 wurde jeweils ein Neubau bezogen.

Hermann Neuhierl

Firmengebäude in Fürth

1955 trat der Sohn Hermann Neuhierl in das Geschäft ein und übernahm nach dem Tod seines Vaters mit seiner Mutter Frieda die Geschäftsleitung.
Durch einen Aufenthalt in Amerika kam Hermann die Idee zu einer Autorennbahn, der Carrera-Bahn. Die Produktion der Blech- und Kunststoffspielwaren wurde dann zugunsten der Carrera-Bahn aufgegeben.
1972 wurde der Unternehmensname in Carrera Spielwarenfabrik Neuhierl GmbH & Co. KG geändert. Die Produkte wurden selten gekennzeichnet und sind hauptsächlich am Nummernschild zu erkennen.

Freitod Neuhierl und Kurt Hesse

Zwischen 1979 – 1985 kam Carrera immer mehr in Schieflage und m 31. Januar 1985 kam es zum Konkurs. Die Banken setzten Kurt Hesse als Geschäftsführer ein, sie entmachtetet Hermann Neuhierl. Während der laufenden Übernahmeverhandlungen unter Führung der Geldgeber nahm er sich im Alter von 57 Jahren gemeinsam mit seiner 85-jährigen Mutter am 6. Februar 1985 das Leben.

Spiegelartikel zum Auf- und Abstieg von Carrera
Mit Karacho aus der Kurve – 25 Bilder zu Carrera
Ein verlorenes Rennen
Zeit Artikel “Die Kurve genommen” aus 1986

Nach zwölf Jahren unter Hesses Geschäftsführung war 1997 das endgültige Aus abermals nahe, ehe der österreichische Spielwarenimporteur Stadlbauer 1999 das Ruder übernahm.

Ära Stadlbauer

Dieter Stadlbauer war für die schicksalsgebeutelte Carrera-Gemeinde ein Erlöser. Nach Verhaftung des Kurt Hesse (wegen Steuerbetrugs) schlug der promovierte Jurist 1999 zu und erwarb Carrera. Als Vertriebspartner für Österreich hatte Stadlbauer die Tragödie hautnah miterlebt. Er behob die Qualitätsprobleme, beruhigte die Fans und begeisterte den Nachwuchs.

Dr. Dieter Stadlbauer

In seine Firmenführungszeit viel auch die Einführung des „digitalen“ Slotracings. Digitales Rennbahnsystem auf Basis der Carrera Evolution, durch spezielle Weichen sind Überholvorgänge möglich, es ist aber nicht durch Umkehrung der Antriebsrichtung mechanisch wie bei Carrera Mitte der 80ziger mit dem Bahntyp „Carrera Servo“. Mit „Carrera Pro-X“ konnten bis zu vier Fahrer unabhängig voneinander auf einer Bahn fahren. Im Jahr 2007 wurde dann Carrera Digital eingeführt, die „Carrera Pro-X“ Bahnbauteile konnten nicht weiterverwendet werden. Bis zu seinem Tod im April 2015 führte der damals 73-Jährige Dieter Stadlbauer das Regiment.

Seit April 2015 übernahm Andreas Stadlbauer, Ihn hatte man als integren Kaufmann gekannt. Viele haben ihn an der Spitze der Stadlbauer Familie mit “Herzblut” am Thema Carrera erlebt.
In den 20 Jahren hat er in einem zunehmend schwierigeren Umfeld des Spielzeugmarktes die Marke vorangetrieben und weiterentwickelt.

Andreas Stadlbauer

Wenn man sich allein einen Katalog von 2000 und 2019 ansieht und vergleicht erkennt man schnell die Entwicklungen. Zwei Referenzen im Internet, wo man sich dieses einmal ansehen kann:
servowiki.de
carrera-bahn-132.de
Kurzum, ohne die Leistungen von Stadlbauer wäre das Hobby Slotracing nicht so bekannt.

Die Übernahme / der Wechsel

Erneute Schieflage

In den Jahren 2017 – 2018 häuften sich die Pressemeldungen, dass die “Stadlbauer Marketing + Vertriebs GmbH” die hinter „Carrera“ stand, in Schieflage gekommen war.
Es wurde weiter auf Digitalisierung gesetzt und vereinzelte Gimmick entwickelt, aber die große Innovation blieb aus. Eine „OnBoard Kamera“ im Slotcar – Cam Car – war die große Neuheit 2018, wurde dann aber in das Jahr 2019 verschoben und seit 2018 gab es eine App für das Handy, wenn man einen Bluetooth Adapter besaß.
Im Juli 2018 machte dann ein Artikel im „Manager Magazin“ auf sich aufmerksam, der „Schwarz auf Weiß“ über eine Schieflage berichtete. Interessant war, dass es zwar Protest aber kein Gegenstatement von Stadlbauer gab.
Im Januar 2019, kurz vor – oder während – der Spielwarenmesse in Nürnberg gab es Pressemeldungen, Carrera stehe zum Verkauf. Dieses wurde damals von Andreas Stadlbauer noch relativiert und anders dargstellt.

Beim Bundeskartellamt lief seit dem 28.05.2019 das Fusionskontrollverfahren. In dieser Fusion sollte dann Revell Carrera GmbH und die Stadlbauer Marketing + Vertriebs GmbH zusammen geführt werden.

Am 2. Juli 2019 gab Quantum Capital Partners (QCP) bekannt, dass die Revell Carrera GmbH 100% der Gesellschafteranteile an der österreichischen Stadlbauer Marketing & Vertrieb GmbH (SMV) von der Familie Stadlbauer erworben hatte.

Der neue Eigentümer von „Carrera“ ist somit die „Quantum Opportunity Fund II GmbH & Co. KG” bzw. die „Revell Carrera GmbH“, die aus der Revell Holding GmbH hervorgegangen war. Diese wurde am 24.04.2018 angemeldet, um Revell anzukaufen. Nun wurde sie am 07.06.2018 umbenannt in die Revell Carrera GmbH und hat Ihren Sitz in Grünwald.

https://www.stadlbauer.at/
https://www.quantum-capital-partners.com/
Wikkipedia zu Carrera

Ursachensuche

Natürlich weiß man nie, woher es gekommen ist und es wird sicherlich in Zukunft genügend Fachpresse geben, die genau über dieses Thema seitenweise Texte, Analysen und Ergebnisse liefern werden.

Bei Herrn Neuhierl waren es mehrere Faktoren, die damals zum Kollaps führten. Zu breite Produktpalette, zu kostenintensive Neuentwicklungen (Carrera Servo), Anti Baby Pillen Kinderknick und der Einzug von Computer / Konsolen in die Kinderzimmer.

Bei Herrn Hesse war es die massive Gewinnmaximierung, Qualitätsmanagement und seine Management Strategie, die Marke Carrera für alles zu melken, was es gab. – Nicht umsonst gibt es “Carrera Lampen” aus der Zeit. –

Vorerst in der Zukunftskiste wird das Fahren mit dem „Cam Car“ bleiben. Dieses wurde bereits wieder „Eingestellt“ und es wird so oder in einer ähnlichen Art wohl nicht kommen bzw. zum Vertrieb kommen. Es wird wohl sicherlich nicht zum „Gewinn“ beigesteuert haben, denn bis auf Vorankündigungen, Entwicklungsarbeit gab es nichts zu sehen. – Bis auf einige Messefahrzeuge als Vorführobjekte –

Ganz neben bei…
Die futuristisch und modern daher kommende „Anki Overdrive“, hatte zwar allgemein den Konkurrenzdruck erhöht, doch die Neuheit von 2015 konnte sich – trotz massiver Werbung – auf dem Markt lediglich mittelmäßig durchsetzen.
Im Mai 2019 meldete die dahinter stehende Spielwarenfirma Anki Insolvenz an.

Aber auch die „Carrera World“ die eigentlich mehrfach in Deutschland entstehen sollte, gibt es zurzeit – Stand Dezember 2019 – nur einmalig in Oberasbach bei Nürnberg. Auch um diese Aktivität gab es Gerüchte, dass diese einige Minuspunkte in die Bilanz schlug.

Die Zukunft wird zeigen, wie es mit “Carrera” weiter geht.

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